Wie alles begann...

Es ist unweigerlich die immer wieder kehrende Frage: „Und wie kamst du als Bauernbub auf die Idee, einfach rund um die Welt zu reisen?“
Ich könnte natürlich dick auftragen: „Ich bin als Pilger ausgezogen, mit der Straße als meine Guru, auf dem Weg zu mir selbst. Ich wollte vom Leben lernen und fremdartige Menschen und Kulturen ergründen, um meinen Beitrag zu leisten für ein besseres Völkerverständnis, damit kommende Generationen in eine friedlichere Zukunft blicken können!“
Klingt zwar nobel, ist aber natürlich gelogen. In Wirklichkeit bin ich ausgezogen, weil ich es satt gehabt habe, in einem hochchristlichen Land zu einer unchristlichen Zeit vom schrillen Piepston meines Alarmweckers aus meinem gesunden Jugendschlaf gerissen zu werden, um mich dann schlaftrunken in meine Arbeitkleidung zu zwängen und in einem Minibus voll mürrischer Arbeitskollegen gedrängt zur Firma zu rasen, im allmorgendlichen Wettlauf mit der Stechuhr, und um dann den ganzen Tag auf Feierabend und die ganze Woche auf Freitag zu warten, mit dem sonntägigen Kirchgang als einziges Abenteuer der Woche!
Richtig, ich wollte ausbrechen aus der Alltagsmonotonie. Als ich am 12. September 1982 neunzehnjährig meinen Rucksack und die Gitarre auf mein altes Moped packte, um einfach ins Ungewisse aufzubrechen, wusste ich nicht wann oder, ob ich jemals überhaupt wieder zurück nach Österreich kommen würde. Ich wollte einfach nur weg. Es war ein Ausbruch aus dem mir viel zu eng gewordenen Korsett, in welches ich gesteckt wurde, um ein respektables Mitglied der österreichischen Landbevölkerung zu werden.
Ich glaube, es gibt drei verschiede Charaktere von Reisenden. Typ A läuft vor irgend etwas davon, Typ B läuft irgend etwas hinterher und Typ C. Der läuft weder vor etwas davon, noch irgend etwas hinterher, er genießt es einfach unterwegs zu sein. Er ist der freie Globetrotter, Weltenbummler, Vagabund, ... wie immer man ihn auch nennen mag. Ganz im Sinne von Robert Luis Stevenson der so trefflich meinte: “In meinem Falle, ich reise nicht, um irgendwo hinzu gelangen, sondern um aufzubrechen. Ich reise des Reisens wegen. Das große Erlebnis ist es, einfach unterwegs zu sein...“
Mit den Jahren der Wanderschaft wurde ich selbst zum Typ C und herausragende Sehenswürdigkeiten fungierten bloß als Vorwand, um mich irgendwohin auf den Weg zu begeben. Die interessantesten Erlebnisse hatte ich unterwegs. Die Begegnungen mit den Menschen, die mich an ihrem Leben teilhaben ließen, die kleinen, für den Rest der Welt absolut unbedeutenden Entdeckungen und natürlich, die Freiheit zu bleiben wann und wo immer ich wollte. Es gab Fälle, da stand ich auf der Straße und stoppte in beide Richtungen, weil es mir absolut egal war, wohin es weiter ging.
Dieses vogelfreie Vagabundieren musste ich aber erst erlernen. Es widerspricht eigentlich meinem erdverbundenen Steinbockwesen. Nur war meine Neugier stärker und mein innerstes Bedürfnis, nicht den mir vorgedachten, sondern den Weg zu gehen, der mir gefühlsmäßig vorschwebte. Der entscheidende Entschluss, die Zelte zu Hause abzubrechen, war dennoch alles andere als ein leichter. Das hat Laotse schon vor zweieinhalbtausend Jahren gewusst: „Der erste Schritt, einer auch noch so langen Reise, ist der Schwerste!“
Dabei war es keineswegs eine Kurzschlusshandlung, nein, seit ich dreizehn oder vierzehn Jahre alt war, stand für mich fest, dass ich mir einmal, sobald ich großjährig war, die Welt anschauen würde. Wenn ich Gitarre üben wollte, stattdessen aber Schweinestall misten musste, wenn es als einziges kulturelles Highlight ein Knödelwettessen gab, während in Äthiopien zigtausend Menschen verhungerten, wenn mir die eigene Religion auf meine spirituellen Fragen keine Antworten gab (außer der Aufforderung, in unsere überbevölkerte Welt, möglichst viele Kinder zu setzen), immer wenn mich die Pubertät quälte und mir der Hausarzt nahe legte, die beste Medizin gegen meine schrecklichen Pusteln wäre eine Freundin, ohne mir aber einen geheimen Trick zu verraten, wie ich mit meinem mit Pusteln übersätem Gesicht zu einer solchen kommen sollte oder ohne mir eine solche medizinisch zu verschreiben, immer also, wenn ich einen Strohhalm brauchte, dann sagte ich mir: „Aber eines Tages brichst du auf und schaust dir die Welt an!“
Diese Phantasie trug ich ziemlich offen auf dem Herzen. Ernst nahmen meine Eltern diese Spinnereien natürlich nicht. Für meine Mutter, die in Neulengbach schon Heimweh bekam, waren meine Zukunftsvorstellungen eher ein Fall für den Psychiater. Aber ich musste mich zu meinen Träumen bekennen, vor allem, als ausgerechnet ich von meinen Eltern als geeigneter Hoferbe auserkoren wurde. Zwar gebührt das Privileg des Jungbauern traditionell dem Erstgeborenen, doch der hatte bei uns zu wenig Berufung gezeigt, Sohn Nummer Drei schien zu schön und die Nummer Vier zu gescheit für einen Bauern. Also sollte ich den Hof übernehmen.
Ich entschloss mich aber für eine Lehre, um möglichst bald einen Berufabschluss zu haben und somit die Freiheit, auf eigenen Beinen zu stehen.
Als nun das Ende meiner Tischlerlehre nahte und leichte Zweifel aufkamen, ob ich tatsächlich für die Hürden der weiten Welt geeicht sei, entschloss ich mich zu einer Generalprobe und fuhr mit meinem Moped und dem eigens dafür konstruierten Anhänger für eine Woche ins Burgenland.
Mit der Gewissheit, wenn du im Burgenland durch kommst, kommst du überall durch, war es ein Jahr später soweit. Ich kündigte meine Arbeit, verkaufte mein Auto, sagte zu meiner Freundin, dass ich das nächste Wochenende aller Voraussicht doch nach nicht vorbeikommen würde, packte meine Sachen und brach mit meinem Moped auf gegen Westen Richtung Kanada, den irgendwo in dem weiten Land lebt ein Onkel von mir.
Die letzten Tage vor der Abreise waren die schwersten. Die Abschiede, die Zweifel, die Ungewissheit, ... Aber als ich die Ortstafel von Wilhelmsburg hinter mir ließ, fiel mir ein mittelgroßer Felsblock vom Herzen: „Du bist frei ...“
Jede Begegnung, jeden neuen Ort, jede neue Erfahrung sog ich förmlich ein. Gleich einem Welpen, der zum ersten Mal in den Garten darf. Bald kam ich drauf, dass ich meine Reisekassa mit Straßenmusik oder Gelegenheitsjobs unterwegs immer wieder regenerieren konnte, ich lernte mich durchzuschlagen und war vor allem zeitweise förmlich überwältigt, wie spontan ich von Fremden angesprochen, eingeladen und aufgenommen wurde. Wie schnell ich Freundschaften schließen konnte. Nur das Loslassen musste ich mir mühsam erarbeiten. Dieses immer-wieder-Zurücklassen. Zu schnell fing ich anfangs an Wurzeln zu schlagen. Erst mit der Erfahrung kam das Bewusstsein, dass ja ohnehin hinter der nächsten Ecke neue Überraschungen, neue Begegnungen und neue Abenteurer auf mich warten würden, die das zurückgelassene stets kompensierten.
Schon nach einigen Monaten fand ich auch eine Partnerin, die mit mir weiterziehen wollte. Vorerst aber kam ich mit Laura erst einmal anlässlich der Hochzeit meines ältesten Bruders zu meiner Familie auf Österreich zurück, vollgepumpt mit den Erfahrungen von 9 Monaten Wandertum.
Anschließend reisten meine kanadische Freundin und ich kreuz und quer durch Europa. Eigentlich wollten wir ja nach Indien, aber Laura wollte zuerst die Heimat ihre Großeltern in Rumänien sehen, dann eine Bekannte ihrer Tante in Deutschland besuchen und schließlich England kennen lernen (schließlich ist die Queen ja auch Staatsoberhaupt von Kanada), mit dem Ergebnis, dass wir in Südengland hängen blieben, wo ich als Gärtner und Gelegenheitsbutler für Sir Harry und Lady Rashleigh britische Adelsluft schnupperte.
Als wir endlich wieder Richtung Indien aufbrachen, war ich nicht nur um die Erfahrung leichter, dass es mehr Vorteile als Nachteile hatte, alleine zu reisen, sondern es läuteten auch die Hochzeitsglocken für meinen zweiten Bruder. So kehrte ich abermals in die Heimat zurück. Diesmal war ich sechzehn Monate unterwegs gewesen und ich tauchte, sehr zur Erleichterung meiner Mutter, die schon Angst hatte vorm “weiten Heimsuchen“ und davor, Ausländisch lernen zu müssen, ohne Anhang auf.